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Fragebogen zur Erfassung psychosexueller Merkmale bei Sexualtätern (2016)

 PSYNDEX Tests-Dokument: 9007356
 

MSI (2016) - Fragebogen zur Erfassung psychosexueller Merkmale bei Sexualtätern (2016) (PSYNDEX Tests Review)

 

Multiphasic Sex Inventory (MSI; Nichols, H. R. & Molinder, I., 1984) - German version (2016)/author

 Fehringer, B. C. O. F., Habermann, N., Becker, N. & Deegener, G.
 (2016). MSI. Multiphasic Sex Inventory. Fragebogen zur Erfassung psychosexueller Merkmale bei Sexualtätern (2., vollständig überarbeitete und neu normierte Auflage) [Testbox mit Manual, zwei Fragenheften, zwei Antwortbögen, einem Schablonensatz und zwei Auswertungsbögen]. Göttingen: Hogrefe.

Preis: 220,00 Euro (Test komplett; Stand: 2.8.2017)

 Bezugsquelle: Testzentrale Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Herbert-Quandt-Straße 4, D-37081 Göttingen ; E-Mail: testzentrale@hogrefe.de ; URL: http://www.testzentrale.de/ ; Stand: 1.11.2017.
Anmerkung: Eine Computerform ist im Rahmen des Hogrefe TestSystems (HTS) erhältlich, außerdem ist Testing on Demand im Internet möglich.
 Adresse(n): o Prof. Dr. Günther Deegener, Abt. für Kinder und Jugendliche der Universitätsnervenklinik Homburg/Saar, Nervenklinik und Poliklinik, D-66424 Homburg/Saar ; E-Mail: GDeegener@aol.com ; URL: http://www.gdeegener.de/ ; Stand: 2.8.2017
o Nichols & Molinder Assessments, Inc., 437 Bowes Drive, Fircrest, Washington 98466-7047, USA ; E-Mail: info@nicholsandmolinder.com ; URL: http://www.nicholsandmolinder.com/ ; Stand: 27.2.2017
o Benedict C. O. F. Fehringer, Universität Mannheim, Lehrstuhl für Bildungspsychologie, Postfach 103462, D-68131 Mannheim ; E-Mail: b.fehringer@uni-mannheim.de ; URL: http://bildungspsychologie.uni-mannheim.de/unser_team/benedict_fehringer/ ; Stand: 2.8.2017
o Prof. Dr. Niels Habermann, SRH Hochschule Heidelberg, Fakultät für Angewandte Psychologie, Maria-Probst-Straße 3, D-69123 Heidelberg ; E-Mail: niels.habermann@hochschule-heidelberg.de ; URL: https://www.hochschule-heidelberg.de/de/hochschule/hochschulteam/habermann-niels/ ; Stand: 2.8.2017
o Dr. Nicolas Becker, Universität des Saarlandes, Differentielle Psychologie, Psychologische Diagnostik, Gebäude A1 3, D-66123 Saarbrücken ; E-Mail: nicolas.becker@mx.uni-saarland.de ; URL: http://www.uni-saarland.de/lehrstuhl/diffpsy/personen/becker.html ; Stand: 2.8.2017
 WWW-Informationen:
 

Abstract

Diagnostische Zielsetzung:
Das Multiphasic Sex Inventory (MSI) dient der mehrdimensionalen Erfassung psychosexueller Merkmale bei erwachsenen männlichen Sexualstraftätern oder bei erwachsenen Männern mit psychosexuellen Verhaltensauffälligkeiten.


Aufbau:
Das MSI besteht aus 300 Items, die drei Subtests, 20 Skalen sowie 16 Subskalen zugeordnet werden können. Subtests: A Paraphilien-(Sexuelle Devianz), B Paraphilien-(Atypisches Sexualverhalten), C Sexuelle Dysfunktionen; Skalen: Sexueller Missbrauch von Kindern (SMK), Vergewaltigung (V), Exhibitionismus (E), Fetischismus, Obszöne Telefonanrufe, Voyeurismus, Fesselung und Züchtigung, Sado-Masochismus, Sexuelle Unzulänglichkeit, Vorzeitige Ejakulation, Physische Behinderung, Impotenz, Wissen und Überzeugungen über Sexualität, Sexualbiografie, Soziale Sexual-Erwünschtheit, Sexuelle Zwanghaftigkeit, Verneinungsskalen, Kognitive Verzerrung und Unreife, Rechtfertigung, Behandlungs-Einstellung; Subskalen SMK: Phantasie, Herumsuchen/Anschleichen und Überredungstaktik, Sexueller Angriff/Übergriff, Inzest, Missbrauch von Mädchen, Missbrauch von Jungen; Subskalen V: Phantasie, Herumsuchen/Anschleichen, Sexueller Angriff/Übergriff, Schwerwiegender sexueller Angriff, Sado-Masochismus (identisch mit gleichnamiger Skala); Subskalen E: Phantasie, Herumsuchen/Anschleichen, Sexueller Angriff/Übergriff, Fortgeschrittener Exhibitionismus. Bei den Items handelt es sich um Statements zu sexuellen Gedanken und Verhaltensweisen, die mit "richtig" oder "falsch" zu beantworten und auf dem Antwortbogen entsprechend anzukreuzen sind.


Grundlagen und Konstruktion:
Die Testkonstruktion folgte den Prämissen der Klassischen Testtheorie. Das MSI (2016) ist die revidierte Fassung des MSI von Deegener (1996) und basiert auf der ersten Fassung der amerikanischen Originalversion von Nichols und Molinder (1984). 10 Items der deutschen Erstauflage mit doppelter Verneinung wurden im Sinne einer besseren Verständlichkeit umformuliert und bei 44 Items die ursprünglich optionale Antwortmöglichkeit in eine verbindliche Beantwortungsanweisung umgewandelt ("falsch" für nicht zutreffend).


Empirische Prüfung und Gütekriterien:
Reliabilität: Die interne Konsistenz liegt für die Hauptskalen (einschließlich der Verneinungsskalen) zwischen Alpha = .53 und .92, für die Subskalen zwischen Alpha =.28 und .89.
Validität: Eigene Validitätsuntersuchungen zur vorliegenden deutschen MSI-Version liegen nicht vor. Unter Verweis auf Studien zur amerikanischen Version wird die Inhaltsvalidität auch für die deutsche Fassung als gegeben angenommen. Es wird auf eine Vielzahl von Studien zur amerikanischen Version verwiesen, die die Konstrukt- und Kriteriumsvalidität der Skalen zur sexuellen Devianz sowie der Verneinungs-Skalen belegen, jedoch nicht ohne Weiteres auf die vorliegende deutsche Fassung übertragen werden können.
Normen: Es liegen nach Deliktgruppe, Alter und Therapiestatus differenzierte Normen (Prozentrangwerte, T-Werte) vor (N = 653; ohne Angaben zum Erhebungszeitraum).

 

Testkonzept

 

Theoretischer Hintergrund

Das Multiphasic Sex Inventory (MSI; Fehringer, Habermann, Becker & Deegener, 2016) ist ein Selbstbeurteilungs-Inventar zur mehrdimensionalen Erfassung psychosexueller Merkmale bei erwachsenen männlichen Sexualstraftätern. Es handelt sich um die deutsche Fassung des amerikanischen Originals von Nichols und Molinder aus dem Jahr 1984, die hier in einer zweiten, vollständig überarbeiteten und neu normierten Auflage vorgelegt wird.
In Bezug auf sexuelle Handlungen wird der amerikanischen Originalversion folgend zwischen sexueller Devianz und atypischem Sexualverhalten unterschieden. Sexuelle Devianz wird danach als sexuelles Verhalten definiert, das aus juristischer, gesellschaftlicher und klinischer Sicht potenziell bedenklich ist. Atypisches sexuelles Verhalten betrifft primär den klinischen und gesellschaftlichen Bereich, ohne strafrechtlich relevant zu sein (Fehringer et al., 2016, S. 16).
Allgemeine Grundlage des Verfahrens ist ein kognitiv emotional-behaviorales Modell sexueller Devianz, in dem zwischen unabhängigen (Bedingungs-)Faktoren und abhängigen Faktoren unterschieden wird (Fehringer et al., 2016, S. 16). Als unabhängige Variablen werden vier Bedingungsfaktoren unterschieden, die zur Entstehung sexueller Devianz beitragen (S. 20-23): (1) Sexuelle Motivatoren (psychophysiologische Fehlprägung sexueller Erregung); (2) sexuelle Sozialisierung (fehlende Verinnerlichung sozialer Normen zu sexuellem Verhalten); (3) deviante Erregung (abweichende Persönlichkeitsstruktur und Befriedigung von emotionalen Bedürfnissen durch Sexualität); (4) situative Faktoren (z. B. einfache Verfügbarkeit eines attraktiven Opfers, fehlende oder geschwächte Impulskontrolle, z. B. unter Alkoholeinfluss oder Stress).
Mit der hier besprochenen MSI-Version werden jedoch nur abhängige Variablen im Sinne von Aspekten der Tatausführung und individueller Besonderheiten des Täters erhoben. Den konzeptionellen Rahmen dafür bilden fünf Thesen, die Nichols und Molinder (1984) auf der Basis ihrer gutachterlichen Praxiserfahrungen formuliert haben und die hier zusammengefasst sind. Danach haben Sexualstraftäter vieles gemeinsam, weisen aber auch deutliche individuelle Unterschiede auf. Schließlich ist davon auszugehen, dass bei jedem entdeckten Straftäter Täuschungsabsichten bestehen.
(a) Gemeinsamkeiten (universelle Qualität eines jeden Sexualstraftäters). Im Vorfeld einer Sexualstraftat kommt es typischerweise zu einer Progression von sexuellen Kognitionen und Verhaltensweisen, die schließlich als sexueller Angriff oder Übergriff ausagiert werden. Es wird davon ausgegangen, dass der Täter die Tat kognitiv vorbereitet, sich bewusst für die Ausübung sexuell devianter Verhaltensweisen entscheidet, sich die Tat vorab gedanklich vorstellt und plant. Ebenso wird angenommen, dass der Täter im Vorfeld einen immer stärkeren inneren Druck spürt, Macht zu missbrauchen und zugleich seine beabsichtigte Tat vor sich rechtfertigt. Glaubt er außerdem noch an den Erfolg seines Planes, dann wird er ihn wahrscheinlich umsetzen (Fehringer et al., 2016, S. 18).
(b) Individuelle Unterschiede (sexuelle Einzigartigkeit). Anhand der jeweils begangenen Sexualstraftat lassen sich die drei Tätergruppen Missbrauchstäter, Vergewaltiger und Exhibitionisten unterscheiden. Innerhalb dieser Gruppen ergeben sich jedoch individuelle Unterschiede. So unterscheiden sich das Ausmaß, die Dauer und die Art der eigentlichen sexuellen Devianz und auch die ausgelebten Formen des atypischen Sexualverhaltens (z. B. Fetischismus, Voyeurismus oder Sado-Masochismus). Individuelle Unterschiede bestehen auch in Bezug auf Wissen und Überzeugungen über Sexualität und im Hinblick auf sexuelle Dysfunktionen (z. B. Impotenz, vorzeitige Ejakulation).
(c) Täuschungsabsichten. Des Weiteren wird angenommen, dass Täter unterschiedliche Täuschungsstrategien verwenden, um ihre Tat zu verschleiern, abzumildern oder zu verteidigen (Lügen, Verzerrung, Verleugnung). Die systematische Erfassung einer solchen "Täuschungsvariable" ist daher wichtig, um Täter und Tathergang hinreichend verstehen und angemessen diagnostizieren zu können (Fehringer et al., 2016, S. 19).
 

Testaufbau

Das Inventar besteht aus 300 Items, die einer komplexen Struktur von vier übergeordneten Subtests zugeordnet sind, welche ihrerseits aus weiteren Subtests, Skalen und Subskalen bestehen (Fehringer et al., 2016, S. 25 f.). Aufgabe der Testperson ist es, Statements zu sexuellen Gedanken und Verhaltensweisen mit "richtig" oder "falsch" zu beantworten und auf dem Antwortbogen entsprechend anzukreuzen.

(A)Paraphilien-(Sexuelle Devianz)-Subtest (P(SD)), bestehend aus drei Skalen und ihren jeweiligen Subskalen (Itemzahlen gemäß Fehringer et al., 2016, S. 26):
(1) Sexueller Missbrauch von Kindern (SMK, 39 Items) mit den Subskalen:
(a) Phantasie (10 Items)
(b) Herumsuchen/Anschleichen und Überredungstaktik (10 Items)
(c) Sexueller Angriff/Übergriff (9 Items)
(d) Schwerwiegender sexueller Angriff (6 Items)
(e) Inzest (4 Items)
(f) Missbrauch von Mädchen (3 Items)
(g) Missbrauch von Jungen (3 Items).

(2) Vergewaltigung (V, 38 Items) mit den Subskalen:
(a) Phantasie (8 Items)
(b) Herumsuchen/Anschleichen (8 Items)
(c) Sexueller Angriff/Übergriff (7 Items)
(d) Schwerwiegender sexueller Angriff (5 Items)
(e) Sado-Masochismus (10 Items, auch P(ASV) zugeordnet mit identischen Items).

(3) Exhibitionismus (E, 19 Items) mit den Subskalen:
(a) Phantasie (3 Items)
(b) Herumsuchen/Anschleichen (4 Items)
(c) Sexueller Angriff/Übergriff (9 Items)
(d) Fortgeschrittener Exhibitionismus (3 Items).

(B) Paraphilien-(Atypisches Sexualverhalten)-Subtest (P(ASV)), bestehend aus fünf Skalen:
(1) Fetischismus (F, 9 Items)
(2) Obszöne Telefonanrufe (OT, 4 Items)
(3) Voyeurismus (VO, 9 Items)
(4) Fesselung und Züchtigung (FZ, 6 Items)
(5) Sado-Masochismus (SM, 10 Items, die identisch auch der Skala Vergewaltigung im Subtest P(SD) zugeordnet sind).

(C) Andere Subtests und Skalen (SS), bestehend aus sechs Skalen, von denen vier zu einem eigenen Subtest zusammengefasst sind:
(1) Subtest "Sexuelle Dysfunktionen" (DYS) mit insgesamt 32 Items, die vier Skalen zugeordnet sind: Sexuelle Unzulänglichkeit (SU, 8 Items), Vorzeitige Ejakulation (VE, 4 Items), Physische Behinderung (PB, 8 Items), Impotenz (IM, 12 Items)
(2) Wissen und Überzeugungen über Sexualität (WÜS, 24 Items)
(3) Sexualbiografie (SB), keine eigenständige Skala, sondern zusammengesetzt aus 50 Items anderer Skalen.

(D) Validitäts-Skalen (VS)
(1) Soziale Sexual-Erwünschtheit (SSE, 35 Items)
(2) Sexuelle Zwanghaftigkeit (SZ, 20 Items)
(3) Verneinungs-Skalen (VN, 36 Items)
(4) Kognitive Verzerrung und Unreife (KVU, 20 Items)
(5) Rechtfertigung (RF, 24 Items)
(6) Behandlungs-Einstellung (BE, 8 Items).
 

Auswertungsmodus

Vor der Auswertung ist der Antwortbogen auf fehlende Antworten zu überprüfen. Zur Erleichterung der weiteren Auswertung empfehlen die Autoren, bei den betreffenden unbearbeiteten Aussagen das "R" und "F" mit einer eigenen Farbe durchzustreichen (Fehringer et al., 2016, S. 85). Mittels Auflegen von Schablonen werden die zu zählenden Testrohwerte je Subtest, Skala bzw. Subskala ermittelt, in den Auswertungsbogen eingetragen und Gesamtrohwerte je Subskala gebildet. Anschließend werden die zugehörigen Prozentrangwerte für die Testrohwerte bzw. Gesamtrohwerte aus den Normtabellen abgelesen und ebenfalls im Auswertungsbogen eingetragen.
Alternativ kann die MSI-Papierformauswertung auch mit Hilfe des Hogrefe Testsystems (Version 5) über die Funktion "Datenschnelleingabe" erfolgen, indem die Antworten direkt eingegeben werden. Die Auswertung erfolgt dann automatisch und ersetzt die Rohwerte-Übertragung in den Auswertungsbogen.
Skalen mit fehlenden Werten sollten vorsichtig interpretiert werden, da in solchen Fällen der Skalenwert systematisch unterschätzt wird. Behelfsweise kann mit Hilfe der Normtabellen und der Anzahl fehlender Werte jedoch der Bereich bestimmt werden, in dem sich der tatsächliche Prozentrang befindet (Fehringer et al., 2016, S. 85).
 

Auswertungshilfen

Zur Ermittlung der Testrohwerte der MSI-Papierform stehen Schablonen und Auswertungsbögen zur Verfügung. Alternativ zur manuellen Auswertung kann auch computergestützt über das Hogrefe Testsystem (Version 5) mittels der Funktion "Datenschnelleingabe" ausgewertet werden. Die Testrohwerte können anhand von Prozentrangwerten unter verschiedenen Gesichtspunkten umgerechnet werden (Fehringer et al., 2016, S. 144): nach dem Delikt ("sexueller Missbrauch" vs. "Vergewaltigung"); nach Delikt und Therapie ("war vor oder während der Datenerhebung in Therapie" vs. "war bis zum Zeitpunkt der Datenerhebung in keiner Therapie"); nach Delikt und Alter ("jünger als 40 Jahre" vs. "mindestens 40 Jahre"). Es besteht auch die Möglichkeit, mit den Normen der ersten Auflage (dt. Version von Deegener, 1996) zu vergleichen. Des Weiteren können für die Prozentrangwerte (mittels Flächentransformation berechnete) T-Werte abgelesen werden.
Die Autoren raten jedoch davon ab, die MSI-Ergebnisse einzig auf Basis von Skalenwerten zu interpretieren, da dies die Gefahr einer Fehldiagnose berge. Vielmehr sollten die Ergebnisse als Ausgangspunkt für weitere therapeutische Diagnostik dienen, bei der auch die einzelnen Items berücksichtigt werden (Fehringer et al., 2016, S. 86 f.). Als qualitative Interpretationshilfe erläutern die Autoren in einem eigenen Kapitel ausführlich die Anwendung des MSI in der Praxis und beschreiben verschiedene Fallbeispiele mit MSI-Befunden und zugehörigen prognostischen Beurteilungen (Fehringer et al., 2016, S. 98-119). Der Vollständigkeit halber werden jedoch auch die standardisierten Interpretations-Vorschläge der amerikanischen Version (Nichols & Molinder, 1984) präsentiert.
 

Auswertungszeit

Die manuelle Auswertung der MSI-Papierform mit Schablonen nimmt circa 30 Minuten in Anspruch. Bei Verwendung der Funktion "Datenschnelleingabe" des Hogrefe Testsystems (Version 5) kann diese Zeit deutlich verkürzt werden, da dann etwa 5-10 Minuten für das Eintippen der Rohdaten zu veranschlagen sind und die anschließende eigentliche computerisierte Auswertung nur noch einen minimalen Zeitaufwand benötigt. Gleiches gilt für die Auswertungszeit bei vollständig computerisierter Testdurchführung.
 

Itembeispiele

Anmerkung: Aus Gründen des Testschutzes sind nachfolgend jeweils nur punktuelle Itembeispiele aufgeführt, zusammen mit der jeweiligen Antwort, die im Sinne der Skala gezählt wird (F für falsch, R für richtig).

"Ich habe den Wunsch gehabt, mit einem Kind sexuellen Aktivitäten nachzugehen" (Paraphilien-(Sexuelle-Devianz)-Subtest, Skala Sexueller Missbrauch von Kindern, R).
"Ich habe gelegentlich mit einem Tier Sex gehabt" (Paraphilien-(Atypisches Sexualverhalten)-Subtest, Skala Fetischismus, R).
"Als Erwachsener habe ich nie mit einem anderen Erwachsenen Sex gehabt" (Andere Subtests und Skalen, Subtest Sexuelle Dysfunktionen, Skala Sexuelle Unzulänglichkeit, R).
"Ich denke selten über Sex nach" (Validitätsskalen, Skala Soziale Sexual-Erwünschtheit, F).
 

Durchführung

 

Testformen

Das Verfahren wird sinnvollerweise im Einzeltest durchgeführt. Neben der Papierform liegt eine computergestützte Form im Hogrefe Testsystem (Version 5) vor.
 

Altersbereiche

Das Verfahren ist für Erwachsene ab 18 Jahren konzipiert. Bei einem entsprechenden Entwicklungsstand und Zustimmung der Eltern ist es eventuell auch mit jüngeren Probanden durchführbar (Fehringer et al., 2016, S. 85). Die Alterspanne der Normierungsstichprobe liegt zwischen 15.5 und 79.2 Jahren (S. 36).
 

Durchführungszeit

Circa 45 Minuten.
 

Material

Die Testbox enthält das Manual und das vollständige Testmaterial. Daneben ist nur Schreibgerät erforderlich. Verbrauchsmaterial (Fragenhefte, Antwortbögen, Auswertungsbögen) kann separat bezogen werden. Testhefte sind wieder verwendbar. Alle Teile sind separat erhältlich. Für die Computerversion sind die entsprechenden Hard- und Softwarevoraussetzungen zu erfüllen.

Materialliste Testbox (Stand: 2.8.2017):
- Manual
- 2 Fragenhefte
- 2 Auswertungsbögen
- 2 Antwortbögen
- Schablonensatz.
 

Instruktion

Die Instruktion erfolgt schriftlich auf der ersten Seite des Fragenheftes. Verständnisfragen werden auch während der Testdurchführung beantwortet.
 

Durchführungsvoraussetzungen

Das MSI ist ein komplexes Verfahren, das hohe Ansprüche sowohl an die Testperson als auch an den Testleiter stellt.
Die Testperson sollte Lesefertigkeiten zumindest auf dem Niveau der 8. Klasse haben (Fehringer et al., 2016, S. 84). Zudem ist eine ausreichende Beherrschung der deutschen Sprache erforderlich; es wird davon abgeraten, einen Dolmetscher hinzuziehen (S. 105). Der Intelligenzquotient (IQ) sollte nicht deutlich unter 80 liegen; Probanden mit Legasthenie, Minderbegabung oder ADHS sind mit dem Verfahren überfordert (S. 105).
Da die Ergebnisse weitreichende Folgen für die Testperson haben können, sollte der Testleiter gut auf die Anwendung des Verfahrens vorbereitet sein. Dazu gehört, dass er sich im Vorfeld intensiv, umfassend und kritisch mit dem Verfahren beschäftigt und sich ein möglichst genaues Bild von der (fraglichen) Sexualdelinquenz der Testperson gemacht hat (Fehringer et al., 2016, S. 102). Schließlich sollte im Vorfeld der Testanwendung auch eine gute Vertrauens- und Arbeitsbeziehung mit dem Probanden aufgebaut werden, um ihn ausreichend auf die Bearbeitung einzustimmen und verwertbare Ergebnisse zu erhalten (S. 105).
 

Testkonstruktion

Die Testkonstruktion folgte den Prämissen der Klassischen Testtheorie. Als zweite Auflage einer übersetzten Fassung beruht das MSI im Wesentlichen auf dem amerikanischen Original und dessen Konstruktionsprinzipien. Die Autoren der Originalfassung haben den Itempool sowie die Itemselektion für die endgültige Fassung entlang qualitativer, logisch-theoretisch begründeter Konstruktionsstrategien vorgenommen, um so die Inhaltsvalidität zu sichern (Nichols & Molinder, 1984; Fehringer et al., 2016, S. 39 f.): (1) So wurden die Items eindeutig, direkt und verhaltensorientiert formuliert; (2) es wurde darauf geachtet, dass die Items zu dem zu messenden Verhalten passten; (3) es wurde ein möglichst großer Pool von Items mit Bezug zur Sexualität gebildet; (4) es wurden viele sexuelle Merkmale erfasst. Nichols und Molinder haben zum einen selbst Items auf der Basis ihrer eigenen klinischen Arbeit formuliert, zum anderen haben sie Items aus verschiedenen bereits existierenden Skalen übernommen; (5) es wurde eine Reihe verschiedener Validitätsskalen entwickelt, um damit i. d. R. erwartbare Verfälschungs- bzw. Täuschungstendenzen der Sexualstraftäter aufzudecken. Neben diesen fünf Konstruktionsprinzipien diente der konzeptionelle Rahmen zur Strukturierung relevanter Kognitionen und Verhaltensweisen bei Sexualstraftätern (siehe unter "Theoretischer Hintergrund") als Grundlage für die Itemkonstruktion.
Eine erste Pilotfassung des Inventars mit 200 Items wurde im Rahmen einer Forschungsstudie mittels Expertenratings auf ihre Inhaltsvalidität überprüft. Hierzu wurden 11 Spezialisten im Bereich der Behandlung von sexuell deviantem Verhalten gebeten, die Items 13 Kategorien zuzuordnen. Die Autoren der Originalfassung werten die Ergebnisse dieser Itemzuordnungen als zufriedenstellenden Beleg der Beurteilerübereinstimmung (Nichols & Molinder, 1984). Zur Verbesserung von Skalen mit geringer Urteilerübereinstimmung bzw. wenigen korrekten Skalenzuordnungen wurden zunächst 22 weitere Items hinzugefügt, so dass eine Zwischenform mit 222 Items entstand, die in weiteren Überarbeitungen ergänzt wurde zur endgültigen Fassung mit 300 Items.
Diese diente als Vorlage für die erste deutsche Fassung, die von Deegener (1996) erstellt wurde. Wenngleich diese Fassung eine bis dato existierende Lücke im Hinblick auf die standardisierte Erfassung psychosexueller Merkmale bei Sexualstraftätern schloss, so war eine Schwäche, dass die Normen nur auf einer sehr kleinen Stichprobe von Sexualstraftätern beruhte (N = 39; Fehringer et al., 2016, S. 185, S. 19). Dieser Mangel sollte mit der zweiten Auflage behoben werden, die neuere und aussagekräftigere Normen für deutlich größere Teilstichproben von Sexualstraftätern liefert (N = 653, davon n = 315 Datensätze mit Detailinformationen, n = 338 Datensätze nur mit Skalenwerten; S. 36). Des Weiteren wurden in der Neuauflage 10 der 300 Items umformuliert, weil sie eine doppelte Verneinung enthielten. In der Anwendungspraxis des MSI hatte sich gezeigt, dass sie dadurch schwer verständlich waren und oft falsch beantwortet wurden. So wurde z. B. die alte Fassung "Es interessiert mich nicht zu erfahren, dass eine Frau vielleicht keinen BH trägt" neu formuliert zu "Es interessiert mich nicht, ob eine Frau einen BH trägt oder nicht." (S. 35). Die erste deutsche Version enthielt noch 44 optionale Aussagen, die der Proband nur beantworten musste, wenn sie auf ihn zutrafen. Diese Aussagen bzw. Items wurden beibehalten, sind aber in der zweiten Fassung in jedem Fall und soweit sie nicht zutreffen mit "Falsch" zu beantworten (S. 83).
 

Gütekriterien

 

Objektivität

Die Durchführungsobjektivität ist durch die schriftliche Instruktion und genaue Angaben im Manual gegeben. Die Auswertungsobjektivität ist durch die Verwendung von Schablonen in Papierform bzw. durch die automatisierte Auswertung in der computergestützten Form gegeben. Die Interpretationsobjektivität wird durch Normen unterstützt, kann aber nur bedingt als gegeben angesehen werden. Zwar werden im Manual verbale Umschreibungen und Fallbeispiele als Interpretationshilfen gegeben, sie müssten aber im Einzelfall vom Testauswerter basierend auf eigenen diagnostischen Erfahrungen neu bewertet werden, so dass sich ein größerer Schwankungsbereich ergibt (Fehringer et al., 2016, S. 36).
 

Reliabilität

Die interne Konsistenz (Cronbachs Alpha) liegt bei der Normierungsstichprobe für die Hauptskalen (einschließlich der Verneinungsskalen) zwischen .53 und .92, für die Subskalen zwischen .28 und .89 (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1
Interne Konsistenzen (Cronbachs Alpha) der Haupt- und Subskalen des MSI (Fehringer et al., 2016, S. 38)
---------------------------------------------------------------------- 
Hautpskala Interne n
- Subskala Konsistenz
----------------------------------------------------------------------
Sexuelle Sozial-Erwuenschtheit .83 248
Sexuelle Zwanghaftigkeit .88 262
Verneinungs-Skala: Sexueller Missbrauch von Kindern .88 257
Verneinungs-Skala: Vergewaltigung .84 133
Verneinungs-Skala: Exhibitionismus (a) 63
Verneinungs-Skala: Inzest .78 130
Kognitive Verzerrung und Unreife .74 253
Rechtfertigung .83 257
Behandlungs-Einstellung .68 248
----------------------------------------------------------------------
Sexueller Missbrauch von Kindern .92 219
- Phantasie .89 269
- Suchverhalten .71 254
- Sexueller Angriff/Uebergriff .81 268
- Schwerwiegender sexueller Angriff .72 270
- Inzest .76 263
- Missbrauch von Maedchen .54 274
- Missbrauch von Jungen .51 277
----------------------------------------------------------------------
Vergewaltigung .86 163
- Phantasie .78 278
- Herumsuchen .69 278
- Sexueller Angriff/Uebergriff .66 268
- Schwerwiegender sexueller Angriff .36 176
- Sado-Masochismus .63 278
----------------------------------------------------------------------
Exhibitionismus (b) .82 262
- Phantasie .28 281
- Herumsuchen .42 266
- Sexueller Angriff/Uebergriff .79 275
- Fortgeschrittener Exhibitionismus (a) 61
----------------------------------------------------------------------
Paraphilien-(Atypisches Sexualverhalten) .82 270
- Fetischismus .63 279
- Voyeurismus .68 275
- Obszoene Telefonanrufe .65 281
- Fesselung und Zuechtigung .75 281
- Sado-Masochismus .63 278
----------------------------------------------------------------------
Sexuelle Dysfunktionen .82 247
-Sexuelle Unzulaenglichkeit .59 264
- Vorzeitige Ejakulation .59 277
- Physische Behinderung .55 277
- Impotenz .72 267
----------------------------------------------------------------------
Wissen und Ueberzeugungen ueber Sexualitaet .53 224
----------------------------------------------------------------------
Anmerkungen. Datengrundlage zur Reliabilitätsberechnung waren Fragebögen, bei denen mindestens 95 Prozent der Items beantwortet wurden von N = 281 Sexualstraftätern (n = 62 Vergewaltiger, n = 158 Missbrauchstäter, n = 10 sowohl der Vergewaltigung als auch des sexuellen Missbrauchs von Kindern Überführte, n = 51 Sexualstraftäter ohne Angaben; Fehringer et al., 2016, S. 37); Spalte n: wechselnde Stichprobengrößen kommen dadurch zustande, dass jeweils nur Fragebögen verwendet wurden, bei denen die betreffende Skala vollständig beantwortet wurde; (a) dieser Wert konnte aufgrund einer zu uneinheitlichen Bewertung nicht berechnet werden; (b) dieser Wert wurde mangels Konsistenz-Wert für "Fortgeschrittener Exhibitionismus" behelfsweise mit den vorliegenden Subskalen-Items berechnet.

Die niedrigen Reliabilitätswerte der Exhibitionismus-Subskalen und die Tatsache, dass die Reliabilität für die Exhibitionismus-Hauptskala nicht berechnet werden konnten, führen die Autoren darauf zurück, dass es in der verwendeten Stichprobe keinen Exhibitionisten gab (Fehringer et al., 2016, S. 37). Insgesamt bewerten sie aber das Reliabilitätsprofil als zufriedenstellend (mit Ausnahme der Werte für Exhibitionismus), da bei 10 von 15 Hauptskalen gute bis sehr gute Reliabilitäten zwischen Alpha = .82 und .92 erreicht werden und die Werte im Wesentlichen denjenigen in der amerikanischen Stichprobe entsprechen (S. 38, S. 59).
 

Validität

Es liegen keine eigenen systematischen Untersuchungen vor, die die Validität der vorgelegten zweiten MSI-Auflage untersuchen. Im Manual wird ersatzweise eine Vielzahl von Einzelstudien zur ersten deutschen Version sowie zur amerikanischen MSI-Version berichtet (Fehringer et al., 2016, S. 39-75), die sich mit verschiedenen Validitätsaspekten befassen und entweder alle MSI-Skalen oder nur einen Teil einbeziehen. Neben der Inhaltsvalidität (siehe unter "Testkonstruktion") wurden dabei Aspekte der Konstruktvalidität und der Kriteriumsvalidität geprüft.
Ihre detailreiche Darstellung dazu zusammenfassend stellen die Autoren fest: "Zur Validität kann aufgrund der fehlenden Studien zur deutschen Fassung derzeit nur wenig gesagt werden. Allerdings zeigen die untersuchten Skalen zufriedenstellende Ergebnisse. Darunter fallen die Validitäts-Skalen und die Skalen zur Sexuellen Devianz" (Fehringer et al., 2016, S. 74 f.). Bezüglich der Übertragbarkeit der amerikanischen Ergebnisse auf die deutsche Version merken sie an, dass die Ergebnisse zur Inhaltsvalidität (siehe unter "Testkonstruktion") auf die deutsche Version übertragen werden könnten, da man ein ähnliches Verständnis von sexueller Devianz in Amerika und Deutschland annehmen könne. Die ihrer Einschätzung nach guten Ergebnisse der weitergehenden Validitätsuntersuchungen der amerikanischen Version könnten aber nicht ohne Weiteres auf die deutsche Version übertragen werden (S. 75). Sie sehen das MSI dennoch als ein Diagnostikum, das als eines von wenigen im Kontext von Sexualstraftaten Aufklärung zu erbringen vermag (S. 74).
 

Normierung

Es liegen Normen (Prozentrangwerte und T-Werte) für männliche Sexualstraftäter vor (N = 653, darunter 129 Vergewaltiger, 230 Missbraucher; 72 untherapiert, 209 therapiert; 167 jünger als 40 Jahre, 201 40 Jahre und älter; Fehringer et al., 2016, S. 36 und S. 145-184). Die Daten wurden in verschiedenen Justizvollzugsanstalten in Deutschland (Amberg, Landsberg, Neuburg-Herrenwörth, Straubing und Würzburg), in der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Homburg sowie in der Forensisch-Psychiatrischen Abteilung der Justizvollzugsanstalt Pöschwies (Kanton Zürich, Schweiz) durch Klinikangehörige erhoben und den Autoren zugesandt (S. 36). Zum Zeitpunkt dieser Erhebungen werden keine Angaben gemacht.
 

Anwendungsmöglichkeiten

Mit dem MSI sollen psychosexuelle Merkmale bei erwachsenen männlichen Sexualstraftätern erfasst werden (sexueller Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung, Exhibitionismus). Das Verfahren kann auch für die Diagnostik und zur Verlaufskontrolle in der Therapie bei erwachsenen männlichen Klienten mit psychosexuellen Verhaltensauffälligkeiten angewendet werden. Des Weiteren kann es in der Forschung eingesetzt werden, beispielsweise zur Evaluation von Therapieprogrammen oder zur Untersuchung neurologischer Korrelate von psychosexuellen Verhaltensmerkmalen.
 

Bewertung

Die vorliegende zweite Auflage des MSI ist in Bezug auf die Items nur leicht modifiziert (Umformulierung von 10 Items mit ursprünglich doppelter Verneinung sowie bei 44 Umwandlung von optionaler in verbindliche Antwortmöglichkeit) und unterscheidet sich somit nur geringfügig von der ersten Auflage. Wesentliche und begrüßenswerte Neuerungen sind zum einen die aktualisierten Normen mit deutlich größeren Stichproben und zum anderen die Überarbeitung des Manuals, um Praktiker besser bei der Anwendung des MSI zu unterstützen. Letzteres scheint mit dem Kapitel 7 zur Anwendungspraxis sehr gut gelungen, das ausführliche Hinweise und eigens hervorgehobene Tipps zu sämtlichen Testphasen gibt, angefangen bei der Vorbereitung bis zur Rückmeldung der Testergebnisse an den Probanden. Sehr hilfreich sind auch vier Fallskizzen mit zugehörigen Beispieltexten zu MSI-Befunden und Auszügen aus der prognostischen Beurteilung.
Das Manual ist stellenweise sehr detailreich, zuweilen redundant, was die Orientierung für den Anwender erschwert. So ist es einerseits gut, dass Informationen zur psychometrischen Güte der amerikanischen Version sowie der deutschen Erstauflage gegeben werden. Andererseits erschwert die Fülle dieser Hintergrundinformationen und die Art ihrer Darstellung aber, das Relevante für die vorliegende Zweitauflage zu finden, zumal die Autoren selbst darauf hinweisen, dass der größte Teil dieser Informationen nicht auf die vorliegende Fassung übertragbar ist und eigene Validierungsstudien zur deutschen Fassung fehlen. Hier wäre eine kompaktere Darstellung lesefreundlicher. In dem erwähnten neuen Praxiskapitel 7 finden sich zudem wichtige Informationen zu den Anwendungsvoraussetzungen und zur Verfahrensdurchführung, die nach vorliegender Auffassung in das entsprechende Hauptkapitel "Durchführung, Auswertung und Interpretation" des Manuals gehören. Wünschenswert wäre auch eine eigene Übersichtsseite mit den wichtigsten Eckdaten zum Verfahren (Gütekriterien, Normstichproben etc.), wie es in vielen Testmanualen zu finden ist.
Ebenfalls wünschenswert wäre eine ausführlichere Beschreibung des Vorgehens bei der Neunormierung gewesen, die hier nur relativ knapp dargestellt wird, obwohl sie eine wichtige Begründung der Neuauflage ist. Angaben zum Erhebungszeitraum der Normen fehlen gänzlich. Die Autoren betonen mehrfach, dass die gut vorbereitete und qualifizierte Durchführung und die Beziehungsqualität zwischen Testleiter und Proband entscheidend zur Validität der Daten beitragen (z. B. Fehringer et al., 2016, S. 102-107). Vor diesem Hintergrund verwundert es etwas, dass die Normierungsdaten postalisch erhoben wurden und so keine genaue, eigene Kontrolle der Durchführungsbedingungen durch die Testautoren gewährleistet war.
Für das anspruchsvolle Feld der Diagnostik und therapeutischen Begleitung von Sexualstraftätern bietet das MSI sicher eine empfehlenswerte Unterstützung, erfordert jedoch eine umfangreiche Einarbeitung in das Manual und das Testmaterial und ist angesichts der bislang fehlenden eigenen Validierungsstudien zu der deutschen Fassung mit dem entsprechenden Vorbehalt anzuwenden.
 

Literatur

  • Deegener, G. (1996). Multiphasic Sex Inventory (MSI). Fragebogen zur Erfassung psychosexueller Merkmale bei Sexualtätern. Göttingen: Hogrefe.
  • Fehringer, B. C. O. F., Habermann, N., Becker, N. & Deegener, G. (2016). MSI. Multiphasic Sex Inventory. Fragebogen zur Erfassung psychosexueller Merkmale bei Sexualtätern (2., vollständig überarbeitete und neu normierte Auflage). Göttingen: Hogrefe.
  • Nichols, H. R. & Molinder, I. (1984). Multiphasic Sex Inventory. Washington: Nichols & Molinder Assessments.
 

Originalfassung/Anderssprachige Fassungen

  • Nichols, H. R. & Molinder, I. (1984). Multiphasic Sex Inventory. Washington: Nichols & Molinder Assessments.
 

Rezensionen

  • Schmidt, A. F. (2017). Fehringer, B. C. O. F., Haberman, N., Becker, N. & Deegener, G. (2016). MSI Multiphasic Sex Inventory - Fragebogen zur Erfassung psychosexueller Merkmale bei Sexualtätern. 2., vollständig überarbeitete und neu normierte Aufl., Göttingen: Hogrefe (Rezensionen). Praxis der Rechtspsychologie, 27 (1), 161-166.
 
 Dörthe Beurer (16.06.2017)
 APA-Schlagworte/PSYNDEX Terms:

Computer Assisted Testing; Classical Test Theory; Questionnaires; Subtests; Profiles (Measurement); Test Norms; Male Delinquency; Sexuality; Sexual Attitudes; Sex Offenses; Rape; Sexual Abuse; Child Abuse; Sexual Harassment; Paraphilias; Patient History

Computerunterstütztes Testen; Klassische Testtheorie; Fragebögen; Untertests; Profile (Messung); Testnormen; Männerkriminalität; Sexualität; Einstellungen zur Sexualität; Sexualdelikte; Vergewaltigung; Sexuelle Gewalt; Kindesmisshandlung; Sexuelle Belästigung; Paraphilien; Krankengeschichte

 weitere Schlagworte:

1984 (englischsprachige Originalausgabe); 1996 (1. deutsche Auflage); 2016 (2., vollständig überarbeitete und neu normierte Auflage); Hogrefe TestSystem; Testing-on-Demand; 300 Items; Subtests: 1 Paraphilien (Sexuelle Devianz), 2 Paraphilien (Atypisches Sexualverhalten), 3 Andere Subtests und Skalen, 4 Validitäts-Skalen; Skalen zur sexuellen Devianz: 1 Sexueller Missbrauch von Kindern, 2 Vergewaltigung, 3 Exhibitionismus; Normierungsjahr: keine Angaben; Normstichprobe: 653
 Klassifikation:

Klinische Psychodiagnostik; Sexualverhalten und sexuelle Orientierung; Verhaltensstörungen, antisoziales und selbstdestruktives Verhalten; Psychische Störungen
Klinische Tests für sexuelle Probleme; Diagnostische Verfahren in der Ehe-, Partner- und Familientherapie
11.10; 11.23
 Anwendungstyp: Clinical Diagnosis, Research (Tests)
 Art der Publikation: Test; Test in Print (90; 911)
 Sprache: German
 Übersetzungen: English
 Land: United States
 Publikationsjahr: 2016
 Änderungsdatum: 201708
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