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Screening und Differentialdiagnostik der Grafomotorik im schulischen Kontext

 PSYNDEX Tests-Dokument: 9007381
 

GRAFOS - Screening und Differentialdiagnostik der Grafomotorik im schulischen Kontext (PSYNDEX Tests Review)

 

Screening and Differential Diagnosis of Graphomotoric Skills in School Context/zpid

 Sägesser Wyss, J. & Eckhart, M.
 (2016). GRAFOS. Screening und Differentialdiagnostik der Grafomotorik im schulischen Kontext. Instrument zur Erfassung des grafomotorischen Entwicklungsstandes bei Kindern zwischen 4 und 8 Jahren [Testbox mit Manual, 20 Screening Aufgabenbögen, 5 Screening Beispielbögen Haselmaus, 5 Screening Auswertungsbögen, 5 Screening Beobachtungsbögen, 5 Differentialdiagnostik Protokollbögen, Arbeitsblättern zu allen Aufgaben, Formenset in Tütchen und Schablonen für die Aufgabenbögen]. Bern: Hogrefe.

Preis: 170,00 Euro (Test komplett; Stand: 25.10.2017)

 Bezugsquelle: Testzentrale Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Herbert-Quandt-Straße 4, D-37081 Göttingen ; E-Mail: testzentrale@hogrefe.de ; URL: http://www.testzentrale.de/ ; Stand: 1.11.2017.
 Adresse(n): o Judith Sägesser Wyss, Pädagogische Hochschule Bern, Institut für Heilpädagogik, Fabrikstraße 8, CH-3012 Bern, Schweiz ; E-Mail: judith.saegesser@phbern.ch ; URL: https://www.phbern.ch/de/ueber-die-phbern/institute/ihp/dozierende-beratende-und-assistierende/dozierende/saegesser-wyss-judith.html ; Stand: 13.11.2017
o Prof. Dr. Michael Eckhart, Pädagogische Hochschule Bern, Institut für Heilpädagogik, Fabrikstraße 8, CH-3012 Bern, Schweiz ; E-Mail: michael.eckhart@phbern.ch ; URL: https://www.phbern.ch/ueber-die-phbern/institute/institut-fuer-heilpaedagogik/michaeleckhart.html ; Stand: 13.11.2017
 WWW-Informationen:
 

Abstract

Diagnostische Zielsetzung:
GRAFOS (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016) dient der Erfassung des grafomotorischen Entwicklungsstandes bei Kindern zwischen vier und acht Jahren. Mittels eines Screeningteils lassen sich im Kindergarten- oder Schullalltag Kinder mit Schreibschwierigkeiten bzw. grafomotorischen Auffälligkeiten einfach und ökonomisch identifizieren. Dadurch soll eine breitflächige und frühzeitige Förderung dieser Kinder ermöglicht werden, um Benachteiligungen in der Schul- und Bildungslaufbahn zu verhindern. Denn Schwierigkeiten beim Schreiben und mit der Handschrift wirken sich nicht nur negativ auf den Erwerb der Schriftsprache, das schulische Lernen und die Motivation aus, sondern können bis in das Erwachsenenalter hinein beeinträchtigend sein. Kinder mit auffälligen Werten im Screening können in der anschließenden Differentialdiagnostik vertiefend untersucht und darauf basierend gezielt gefördert werden.


Aufbau:
GRAFOS besteht aus insgesamt drei Verfahrensteilen für ein zweistufiges Vorgehen. (1) Stufe 1 Screening mit zwei Verfahrensteilen: (1A) Das Screening für das Zeichen- bzw. Schriftbild erfasst quantitativ Aspekte der Formwiedergabe (Skala Form, visuomotorische Koordination) und Strichführung (Skala Strich, Feinmotorik); Aufgabe des Kindes ist es, acht vorgegebene Symbole (Kreis, Dreieck, Viereck, vertikaler und horizontaler Strich, gekreuzte Linien, offener und geschlossener Bogen als Grundelemente der Schrift) jeweils sechsmal in ein ansprechend gestaltetes Arbeitsblatt zu zeichnen. (1B) Der Beobachtungsbogen (Screening Schreibverhalten) erfasst qualitative Aspekte des Schreibverhaltens und der Zeichen- bzw. Schreibmotivation. Vier Beobachtungsbereiche mit 11 Aspekten werden mittels vorgegebener Beschreibungen als unauffällig oder auffällig kategorisiert: (1) Haltung (Sitz-, Stift- und Kopfhaltung); (2) Bewegungsfähigkeit (Bewegung des Schreibarms, Bewegungsimpuls beim Schreiben und Arbeitstempo); (3) Zeichnen (Zeichnen und Symbolisieren, Motivation zum Zeichnen und Ausdauer); (4) Schreiben bei Schulkindern (Motivation zum Schreiben und Ausdauer). (2) Stufe 2 Differentialdiagnostik (14 Aufgaben): (a) Erfassung des allgemeinen grafomotorischen Entwicklungsstandes (mit 8 der 14 Aufgaben), Zeichnen aus der Armbewegung (Aufgaben 1, 2 und 3), Zeichnen aus Handgelenks- und Fingerbewegungen (Aufgaben 4 bis 7 und 13); (b) Erfassung einzelner Entwicklungsbereiche zur Differenzierung des Förderbedarfs (14 Aufgaben zu 10 Bereichen), Grobmotorik, Mitbewegungen der passiven Hand, Feinmotorik, Kopfbewegungen, Augenfolgebewegungen, Strichführung, Formwiedergabe, Visuelle Wahrnehmung, Erkundungsbewegungen und Visuelles Gedächtnis; hierzu erhält das Kind verschiedene spielerische Aufgaben, in denen entweder auf Arbeitsblättern zeichnen oder Formen bzw. Alltagsgegenstände ertasten und benennen muss.


Grundlagen und Konstruktion:
Das Verfahren ist nach den Prinzipien der Klassischen Testtheorie validiert. Die Konzeption von GRAFOS beruht auf entwicklungspsychologisch relevanten Erkenntnissen zur Grafomotorik und orientiert sich bei der Auswahl relevanter Dimensionen an der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen (ICF-CY). Aufgaben für das Screening des Zeichen- bzw. Schriftbildes wurden in Anlehnung an vergleichbare Verfahren konzipiert. Zwischen den beiden Skalen Form und Strich zeigen sich zwar große Überschneidungen sowohl in der Faktoren- als auch in der Korrelationsanalyse, dennoch wurde eine getrennte Erhebung aus diagnostischen Gründen beibehalten. Die Screeningitems weisen hohe Trennschärfen auf (Durchschnittswert Skala Form rit = .67, Skala Strich rit = .69, alle Trennschärfen rit > .50). Für die Differentialdiagnostik werden Trennschärfen zwischen rit = .41 und rit = .80 sowie zum Teil substantielle Zusammenhänge zwischen einzelnen Skalen berichtet, die jedoch als theoretisch plausibel und Ausdruck der wechselseitigen Abhängigkeit grafomotorischer Teilkompetenzen anzusehen sind. Zwischen den Bereichen des Screeningbeobachtungsbogens und korrespondierenden Bereichen der Differentialdiagnostik bestehen schwache bis mittlere Zusammenhänge, die aufgrund der unterschiedlichen Messtiefe (grob im erstgenannten versus genau im zweitgenannten Verfahrensteil) plausibel und erwartungsgemäß sind.


Empirische Prüfung und Gütekriterien:
Reliabilität: Die internen Konsistenzen (Cronbachs Alpha) für die beiden Screeningskalen (Schriftbild) liegen bei Alpha = .88 für Form und bei Alpha = .90 für Strich. Die Interraterreliabilität (gewichtetes Kappa für Ordinaldaten) für dieses Screening liegt bei ICC = .82 für die Skala Form und bei ICC = .69 für die Skala Strich. Bei der Differentialdiagnostik liegen die internen Konsistenzen (Cronbachs Alpha) für die 10 der 14 Skalen mit mehr als einem Item zwischen Alpha = .70 und Alpha = .93.
Validität: Das Screening zum Zeichen- bzw. Schriftbild wurde mit insgesamt 1 229 Kindern validiert (642 Jungen und 587 Mädchen). Die Validierung des Screeningbeobachtungsbogens sowie der Differentialdiagnostik erfolgte mit 106 Kindern, die sich aufgrund auffälliger grafomotorischer Befunde in Therapie befanden. Die Konstruktvalidität des Screenings zum Zeichen- bzw. Schriftbild konnte nicht einwandfrei bestätigt werden, wurde aus diagnostischen Gründen jedoch beibehalten. Die Kriteriumsvalidität dieses Verfahrensteils wurde in einem Vergleich von Kindern mit und ohne Förderbedarf belegt. Die konvergente Validität der Differentialdiagnostik wurde für sechs Skalen über Zusammenhänge mit konstruktnahen Verfahren geprüft. Dabei waren die Korrelationen mit externen Verfahren (mit einer Ausnahme) signifikant und lagen zwischen r = .35 und r = .58, die Korrelationen mit korrespondierenden Skalen des Screeningbeobachtungsbogen lagen zwischen r = .29 und r = .35.
Normen: Die Screeningwerte (Zeichen- bzw. Schriftbild) wurden an einer Stichprobe von N = 1 145 Kindern normiert. Es liegen Vergleichswerte als Erwartungswert für die Altersstufe (M) sowie Abweichungsbereiche mittel (1 bis 2 SD unter M) und hoch (2 SD und mehr unter M) vor. Das Normierungsjahr wird nicht genannt.

 

Testkonzept

 

Theoretischer Hintergrund

GRAFOS (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016) ist ein Instrument zur Erfassung des grafomotorischen Entwicklungsstandes bei Kindern zwischen vier und acht Jahren. Als Arbeitsinstrument für den Kindergarten- und Schulalltag erlaubt es sowohl ein erstes Screening der schreibbezogenen Fähigkeiten als auch deren tiefergehende Differentialdiagnostik im Falle auffälliger Screeningbefunde.
Die Handschrift lässt sich nach dem Schreibprozessmodell von Berninger und Winn (2008) als ein Subprozess ("low-level-Aspekt") des Schriftsprachprozesses sehen und als eine wichtige Voraussetzung für eine flüssige Textproduktion. Mit GRAFOS werden die grafomotorischen Voraussetzungen für das Erlernen der Handschrift überprüft. Dabei wird die Schreibbewegung des Kindes nicht als isoliert motorische, sondern vielmehr als eine komplexe psychomotorische Leistung betrachtet, die in enger Verbindung mit Emotion, Kognition, allgemeiner Kommunikation und Sprache steht (Mahrhofer, 2004; Vetter, Amft, Sammann & Kranz, 2010). Die Grafomotorik stellt somit einen zentralen Entwicklungsbereich dar und bildet eine wichtige Voraussetzung für das Erlernen der Schriftsprache und des schriftlichen Ausdrucks (Berninger & Winn, 2008). Umso gravierender sind etwaige grafomotorische Schwierigkeiten bei Kindern. Sie erschweren ihnen nicht nur den Zugang zur Schriftsprache, sondern können mittelbar auch negative Auswirkungen auf das Selbstkonzept und die Schulmotivation haben (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 15). Schwierigkeiten beim Schreiben können bis in das Erwachsenenalter hinein beeinträchtigend sein und die akademische Leistungsfähigkeit mindern (Connelly, Dockrell & Barnett, 2005). Obwohl die Prävalenz von Schreibschwierigkeiten auf 5% bis 27% Prozent geschätzt wird (van Hartingsveldt, De Groot, Aarts & Nijhuis-Van der Sanden, 2011), werden sie im Schulalltag häufig nicht erkannt, weil der Fokus in der Regel auf sprachlichen Aspekten wie Lesen und Texteverfassen liegt (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 15). Anliegen bei der Testentwicklung war es daher, die große Bedeutung der Grafomotorik beim Erlernen des Schreibens bewusster und greifbarer zu machen, ein Instrument zur frühzeitigen Erfassung und Förderung von Kindern mit Schreibschwierigkeiten bereitzustellen und die Zusammenarbeit von Kindergarten- und Primarschullehrkräften mit Fachleuten für die Psychomotorik (Heilpädagogik, Logopädie) zu unterstützen.
GRAFOS ist entwicklungsorientiert angelegt und altersentsprechend gestaltet. Als Rahmenhandlung werden die Kinder durch die Geschichte "Das Fest der Tiere" geführt. Mit dem Verfahren werden ausgewählte entwicklungspsychologische Aspekte erfasst, die für die Grafomotorik relevant sind: Grob- und Feinmotorik, Augenmotorik, Sitzhaltung, Zeichenentwicklung in Bezug auf das Zeichnen von Grundelementen der Schrift, Strichführung, Formwiedergabe (visuomotorische Integration) sowie Wahrnehmung (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 18-20).
 

Testaufbau

Das Verfahren sieht einen zweistufigen Erfassungsprozess vor und stellt dafür drei Verfahrensteile zur Verfügung:

(1) Stufe 1 Screening: In dieser Stufe wird geprüft, ob Zeichen- bzw. Schriftbild und Schreibverhalten entwicklungsgemäß sind oder ob sich Auffälligkeiten zeigen und eine Differentialdiagnostik zur weiteren Abklärung erforderlich ist.
(1A) Screening (Schriftbild, 8 Aufgaben): Mit diesem Verfahrensteil wird das Zeichen- bzw. Schriftbild anhand der Formwiedergabe (Skala Form, visuomotorische Koordination) und Strichführung (Skala Strich, Feinmotorik) beurteilt. Hierzu wird geprüft, ob ein Kind die Grundelemente der Schrift zeichnen kann. Seine Aufgabe besteht darin, für alle Tiere aus der Rahmengeschichte "Das Fest der Tiere" eine Fahne "fertigzustellen", indem es acht vorgegebene Symbole (Kreis, Dreieck, Viereck, vertikaler und horizontaler Strich, gekreuzte Linien, offener und geschlossener Bogen) als Grundelemente der Schrift jeweils sechsmal nachzeichnet (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 11).
(1B) Beobachtungsbogen (Screening Schreibverhalten, vier Bereiche und 11 Aspekte): Ergänzend zum Screening des Schriftbildes können mit einem Beobachtungsbogen qualitative Aspekte des Schreibverhaltens grob erfasst werden, um erste Aussagen über sensomotorische, emotionale und motivationale Aspekte machen zu können: 1) Haltung (Sitz-, Stift- und Kopfhaltung); 2) Bewegungsfähigkeit (Bewegung des Schreibarms, Bewegungsimpuls beim Schreiben sowie Arbeitstempo); 3) Zeichnen (Zeichnen und Symbolisieren, Motivation zum Zeichnen sowie Ausdauer); 4) Schreiben bei Schulkindern (Motivation zum Schreiben sowie Ausdauer). Zur vereinfachten Erfassung sind jeweils mögliche unauffällige und auffällige Verhaltensweisen im Bogen zum Ankreuzen vorformuliert und können durch eigene Notizen ergänzt werden. Der Bogen kann zur Verhaltensbeobachtung eines Kindes entweder während der Gruppenbearbeitung der Screeningaufgaben oder unabhängig davon im Kindergarten- oder Schulalltag verwendet werden (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 78).

(2) Stufe 2 Differentialdiagnostik: Kinder, die Schwierigkeiten mit der Wiedergabe der Grundelemente haben und/oder Auffälligkeiten im Schreibprozess zeigen, können im Folgenden mit der Differentialdiagnostik genauer auf den Stand ihrer grafomotorischen Entwicklungsstufe untersucht werden (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 47). Ziel der Differentialdiagnostik ist es, den genauen Förderbedarf des Kindes festzulegen. In diesem Untersuchungsteil erhält das Kind insgesamt 14 verschiedene Aufgaben (zu 10 Entwicklungsbereichen), die wieder auf die Rahmengeschichte "Fest der Tiere" bezogen sind. Je Aufgabe werden zum Teil mehrere Entwicklungsbereiche gleichzeitig erfasst. Die Differentialdiagnostik erfolgt im Hinblick auf zwei Aspekte bzw. Fragestellungen:
(2A) Erfassung des allgemeinen grafomotorischen Entwicklungstandes: Anhand des Durchschnitts der erreichten Punktzahl bei 8 der 14 Aufgaben wird die grafomotorische Entwicklungsstufe des Kindes in zwei Motorikbereichen bestimmt (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 100 f.):
(1) Für das Zeichnen aus der Armbewegung werden zwei Entwicklungsstufen unterschieden, die in drei verschiedenen Aufgaben erfasst werden:
Entwicklungsstufe 1, Kritzeln aus der Armbewegung (Aufgabe 1),
Entwicklungsstufe 2, Bogen-Zeichnen aus der Armbewegung mit einfacher Steuerung sowie gezieltes Linien-Zeichnen aus der Armbewegung mit präziser Steuerung (Aufgaben 2 und 3).
(2) Für das Zeichnen aus Handgelenks- und Fingerbewegungen werden vier Entwicklungsstufen unterschieden:
- Entwicklungsstufe 1, Kritzeln aus der Fingerbewegung (Aufgabe 7),
- Entwicklungsstufe 2, Gezielter Strich aus den Fingern in alle Richtungen sowie Formen zeichnen aus der Fingerbewegung (Aufgaben 4 und 5),
- Entwicklungsstufe 3, Buchstaben/Wörter schreiben (Aufgabe 13),
- Entwicklungsstufe 4, Kombination von Arm- und Fingerbewegung (Aufgabe 6).
(2B) Erfassung einzelner Entwicklungsbereiche zur Differenzierung des Förderbedarfs: Hier werden mit 14 Aufgaben 10 grafomotorisch relevante Entwicklungsbereiche vertieft überprüft:
(1) Grobmotorik (8 Aufgaben; Körper- bzw. Sitzhaltung und Kopfhaltung);
(2) Mitbewegungen der passiven Hand (8 Aufgaben);
(3) Feinmotorik (in verschiedenen Aufgaben miterfasst; Stifthaltung bei acht Aufgaben, Fingerbewegungen bei fünf Aufgaben, Bewegungen des Handgelenks bei fünf Aufgaben);
(4) Kopfbewegungen (eine Aufgabe);
(5) Augenfolgebewegungen (eine Aufgabe, Augenfolgebewegungen vertikal, horizontal, diagonal und kreisförmig);
(6) Strichführung (sieben Aufgaben, Qualität und Steuerung);
(7) Formwiedergabe (vier Aufgaben, Zeichnen einer Form nach Vorzeigen des Bewegungsablaufs, Ergänzen unfertiger Formen, Zeichnen einer ertasteten Form, Abschreiben von Buchstaben);
(8) Visuelle Wahrnehmung (eine Aufgabe, Erkennen von Formen);
(9) Erkundungsbewegungen (eine Aufgabe, Ertasten von Alltagsgegenständen und von Formen);
(10) Visuelles Gedächtnis (eine Aufgabe, Benennen oder Zeichnen der acht im Test bearbeiteten Formen).
 

Auswertungsmodus

Die drei Verfahrensteile erfordern jeweils eigene Vorgehensweisen bei der Auswertung.

(1A) Screening (Schriftbild)
Die Formzeichnungen des Kindes auf dem Screeningaufgabenbogen sind hinsichtlich Formwiedergabe (Skala 1 Form) und Strichführung (Skala 2 Strich) zu beurteilen. Hierzu werden sie mit Ausführungsbeispielen im Manual verglichen und mit 2 (sehr gute Wiedergabe), 1 (mittlere Wiedergabe) oder 0 Punkten (nicht gelingende Wiedergabe) bewertet. Die Strichführung wird nur bei Elementen bewertet, die mindestens 1 Punkt erreicht haben. Fehlende Elemente werden nur in dem Fall mit 0 Punkten mitbewertet, wenn sie das Kind trotz Hinweis und Aufforderung des Testleiters ausgelassen hat. Für alle Elemente mit 0 Punkten bei der Formwiedergabe wird bei der Skala Strich ein "M" für "Missing" auf dem Auswertungsbogen eingetragen (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 75). Anschließend wird ein Skalendurchschnittswert (Summe der Punkte geteilt durch die Anzahl der bearbeiteten bzw. bewerteten Elemente) gebildet und anhand von altersnormierten Screeninglisten im Anhang des Manuals einer von drei Kategorien zugeordnet (3 unauffällig = Mittelwert "erwarteter Wert"; 2 mittlere Auffälligkeit = ein bis zwei Standardabweichungen unterhalb des erwarteten Wertes; 1 auffällig = zwei oder mehr Standardabweichungen unterhalb des erwarteten Wertes; S. 75, S. 117 f.). Die Kategorienzuordnung gibt zugleich Hinweise auf weiteren Diagnostikbedarf: Bei Kindern mit einem Screeningergebnis der Kategorie 1 sollte die Differentialdiagnostik im Einzelsetting durchgeführt werden. Bei einem Ergebnis der Kategorie 2 ist zunächst eine qualitative Beobachtung des Schreibprozesses durchzuführen und im Falle mehrerer auffälliger Punkte ist ebenfalls eine Differentialdiagnostik anzuschließen.

(1B) Beobachtungsbogen (Screening Schreibverhalten)
Das Kind wird beim Schreiben beobachtet und sein Ausführungsverhalten anhand von Beschreibungen im Beobachtungsbogen bewertet (z. B. Haltung, siehe unter "Testaufbau"). Es wird jeweils ein Beispiel für unauffälliges sowie ein oder mehrere Beispiele für auffälliges Ausführungsverhalten gegeben. Für die Beurteilung kann das Kind entweder bei der Bearbeitung der Screeningaufgaben zum Schriftbild oder im Schulalltag bei der Ausführung von Schreibaufgaben beobachtet werden. Es können auch ergänzend Videoaufnahmen hinzugezogen werden. Bei mehreren auffälligen Beobachtungspunkten sollte in jedem Falle eine Differentialdiagnostik durchgeführt werden, auch wenn das standardisierte Screening zum Schriftbild unauffällig war (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 78 f.).

(2) Differentialdiagnostik
In insgesamt 14 verschiedenen Aufgaben für das Kind werden 10 verschiedene Aspekte des Zeichen- bzw. Schreibproduktes und des Schreibverhaltens geprüft. Die Bewertung erfolgt jeweils mit 0 (= schlechtestes Resultat), 1 (= mittleres Resultat) oder 2 (= bestmögliches Resultat) Punkten. Es werden zwei verschiedene Aspekte ausgewertet:
(2A) Ermittlung der grafomotorischen Entwicklungsstufe: Für jede der 8 Aufgaben (siehe unter "Testaufbau") wird ein Mittelwert der Bewertungspunkte gebildet. Die mit der jeweiligen Aufgabe gemessene Entwicklungsstufe ist erreicht, wenn der Mittelwert gleich oder größer 1.25 ist (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 101).
(2B) Erfassung einzelner Entwicklungsbereiche zur Differenzierung des Förderbedarfs: Für jeden der 10 Entwicklungsbereiche (siehe unter "Testaufbau") wird ein Mittelwert der Bewertungspunkte gebildet und mit Interpretationshilfen im Manual verglichen, um zu beurteilen, welche von drei Entwicklungsstufen das Kind erreicht hat (S. 102 f.). Grobmotorik und Bewegungsqualität werden dabei nur in qualitativer Form interpretiert, die Mittelwerte der restlichen acht Bereiche werden einer von drei Entwicklungsstufen zugeordnet und in einem weiteren Schritt in eine Grafik zur altersbezogenen Interpretation übertragen, um den Förderbedarf abzubilden (kein Förderbedarf vs. Förderbedarf vs. großer Bedarf; Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 106).
 

Auswertungshilfen

Für die drei Verfahrensteile stehen jeweils eigene Auswertungsbögen zur Ermittlung der Roh- bzw. Mittelwerte zur Verfügung.
(1A) Screening (Schriftbild). Die Zeichen- bzw. Schriftprodukte des Kindes können anhand von ausführlichen Vergleichsbeispielen beurteilt werden. Als zusätzliche Beurteilungshilfe steht eine Auswertungsschablone zur Verfügung, mit der Abweichungsgrade von der Idealform und Symmetrie beurteilt werden können. Die gemittelten Punktwerte können anhand von altersnormierten Screeninglisten interpretiert und hinsichtlich des weiteren Diagnostikbedarfs beurteilt werden.
(1B) Beobachtungsbogen (Screening Schreibverhalten). Die Beobachtungen können anhand von verbalen Verhaltens- und Ausführungsbeschreibungen Punktwerten zugeordnet werden. Des Weiteren veranschaulichen Fotos im Manual unterschiedliche Entwicklungsstufen von Stifthaltungen.
(2) Differentialdiagnostik. Schriftbild und Schreibverhalten des Kindes können anhand von verbalen Beschreibungen Punktwerten zugeordnet werden. Die Punkt- bzw. Mittelwerte können anhand von Tabellen einem von drei bzw. vier Entwicklungsbereichen zugeordnet werden.
Es wird empfohlen, sowohl die Beobachtung zu Screeningzwecken als auch die Differentialdiagnostik zu filmen, um die Auswertung zu erleichtern.
 

Auswertungszeit

Die Auswertung des Schriftbildscreenings nimmt circa 20 Minuten und die des Beobachtungsbogens (Screening Schreibverhalten) circa 10 Minuten in Anspruch. Für die Auswertung der Differentialdiagnostik werden 30 Minuten veranschlagt (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 12).
 

Itembeispiele

Nachfolgend ist je Verfahrensteil ein Beispiel aufgeführt.

(1A) Screening (Schriftbild): Auf dem Screeningaufgabenbogen sind acht verschiedene Tiere abgebildet, die jeweils eine Fahne hochhalten. Jedes Tier hat sein eigenes Symbol, das als Beispiel in zwei Kästchen auf der Fahne eingezeichnet ist. Sechs weitere Kästchen sind leer. Aufgabe des Kindes ist es, in diese Kästchen das jeweilige "Tier-Symbol" nachzuzeichnen. Bei den Symbolen handelt es sich um acht Grundformen (Kreis, Dreieck, Viereck, vertikaler und horizontaler Strich, gekreuzte Linien, offener und geschlossener Bogen als Grundemelemente der Schrift), die für das Erlernen der Handschrift wichtig sind.

(1B) Beobachtungsbogen (Screening Schreibverhalten), Entwicklungsbereich Haltung, Beispiel Beschreibung der Sitzhaltung, Beobachtungsalternativen: "Der Oberkörper bleibt beim Schreiben und Zeichnen immer aufrecht in der Mitte" (ideale Voraussetzung des Schreib-/Zeichenprozesses); "Der Oberkörper wird zeitweise oder immer auf eine Seite geneigt und/oder nach vorne gebeugt" (ungünstige, ermüdende Haltung); "Anderes" (Raum für eigene Notizen).

(2) Differentialdiagnostik, Aufgabe 1 "Der Frosch schwimmt fröhlich im Teich": Auf dem Arbeitsblatt (DIN A3) ist ein Teich mit einem Frosch abgebildet. Der Teich nimmt etwa 80% der Bildfläche ein. Außerhalb des Teichs sind noch eine Schildkröte und ein Igel zu sehen. Aufgabe des Kindes ist es, zunächst mit dem Finger und anschließend mit dem Stift in der Hand im Teich herumzufahren. Beobachtungsbereiche sind Kopf- und Körperhaltung, Mitbewegungen der nicht dominanten Hand, Stifthaltung sowie die Qualität der Strichführung.
 

Durchführung

 

Testformen

Das Screening des Schriftbildes kann als Einzel- oder Gruppentest durchgeführt werden. Die Beobachtung (Screening Schreibverhalten) bezieht sich auf ein einzelnes Kind, das aber sowohl in einer Gruppensituation als auch während einer Einzelarbeit beobachtet werden kann. Es kann auch eine Videoaufzeichnung des Schreibprozesses ausgewertet werden. Die Differentialdiagnostik ist als Einzeltest durchzuführen.
 

Altersbereiche

GRAFOS ist für 4;8 bis 8;6 Jahre alte Kinder entwickelt worden.
 

Durchführungszeit

Eine Zeitbegrenzung ist für keines der drei Verfahrensteile vorgesehen. Als Testzeiten mit Einführung und Instruktion werden für das Screening (Schriftbild) 10 Minuten, für den Beobachtungsbogen (Screening Schreibverhalten) 15 Minuten sowie für die Differentialdiagnostik 50-60 Minuten angegeben (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 12).
 

Material

Die Testmappe enthält das Manual und das vollständige Testmaterial. Verbrauchsmaterial (Arbeitsblätter sowie Protokoll-, Beobachtungs- und Auswertungsbögen) kann separat bestellt werden.

Daneben werden benötigt:
(a) beim Screening (Schriftbild) noch Bleistifte Nr. 2 HB für jedes Kind sowie ein Taschenrechner für die Auswertung;
(b) beim Beobachtungsbogen (Screening Schreibverhalten) ein Stift sowie evtl. eine Videokamera;
(c) bei der Differentialdiagnostik neben Schreibmaterial eine Tastkiste/Behälter zum "blinden" Ertasten von Gegenständen sowie Alltagsgegenstände als Tastmaterial, ein Vogel als Fingerpuppe/Bleistiftaufsatz und evtl. eine Videokamera.

Materialliste Testbox (Stand: 25.03.2017)
- Manual
- 20 Screening Aufgabenbögen
- 1 Schablone Screeningbogen
- 5 Screening Beispielbögen Haselmaus
- 5 Screening Auswertungsbögen
- 5 Screening Beobachtungsbögen
- 5 Differentialdiagnostik Protokollbögen
- 5 Differentialdiagnostik Arbeitsblätter Aufgaben 1 und 2
- 5 Differentialdiagnostik Arbeitsblätter Aufgaben 3 und 4
- 5 Differentialdiagnostik Arbeitsblätter Aufgaben 5 bis 7
- 5 Differentialdiagnostik Arbeitsblätter Aufgabe 10
- 1 Differentialdiagnostik Schablone zu Aufgabe 10
- 1 Differentialdiagnostik Arbeitsblatt Aufgabe 11a
- 1 Differentialdiagnostik Arbeitsblatt Aufgabe 11b
- 1 Differentialdiagnostik Arbeitsblatt Aufgabe 11c
- 1 Differentialdiagnostik Arbeitsblatt Aufgabe 12a
- 1 Differentialdiagnostik Arbeitsblatt Aufgabe 12b
- 5 Differentialdiagnostik Arbeitsblätter Aufgabe 13
- Differentialdiagnostik Formenset in Tütchen.
 

Instruktion

Ausführliche standardisierte Instruktionen liegen zu jedem Verfahrensteil und zu einzelnen Aufgaben vor.
 

Durchführungsvoraussetzungen

Als generelle Voraussetzung für die Arbeit mit GRAFOS nennen die Autoren gute entwicklungspsychologische Kenntnisse sowie die Berücksichtigung der Tatsache, dass die Entwicklung von Kindern heterogen verläuft (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 45). Das Screening (Schriftbild) sowie die Beobachtung (Screening Schreibverhalten) können nach einer Einführung von Lehrkräften für Kindergarten und Primarschule selbstständig oder in Abstimmung mit heilpädagogisch/psychomotorisch ausgebildeten Fachkräften durchgeführt werden. Die Durchführung der Differentialdiagnostik setzt eine förderdiagnostische Ausbildung oder Weiterbildung in Grafomotorik voraus. Testleiter sollten sich in jedem Falle zur Vorbereitung mit dem umfangreichen Material und der Testdurchführung vertraut machen. Tisch und Stuhl für das Kind sollten seiner Größe angepasst sein, damit es eine ergonomische Schreibhaltung einnehmen kann. Bei Durchführung des Screenings als Gruppentest muss eine Stillarbeit zur Beschäftigung für diejenigen Kinder vorbereitet werden, die vor den anderen die Screening-Aufgaben beenden. Es ist eine ruhige Arbeitsatmosphäre für alle Kinder sicherzustellen und das vollständige Material für die Testdurchführung bereitzulegen.
 

Testkonstruktion

Die Testkonstruktion orientiert sich an den Kriterien der Klassischen Testtheorie. Ziel der Verfahrensentwicklung war es, ein Instrumentarium bereitzustellen, das eine möglichst frühzeitige und breitflächige Identifikation grafomotorischer Schwierigkeiten erlaubt, um ebenso frühzeitig individuelle Fördermaßnahmen einzuleiten. Hierzu wurde ein zweistufiges Testkonzept entwickelt, bei dem zunächst mittels Screening Kinder mit grafomotorischen Auffälligkeiten identifiziert werden können, um dann in einer Differentialdiagnose den genauen Förderbedarf zu bestimmen und darauf basierend einen individuellen Förderplan zu entwickeln. Das Testmaterial sollte sowohl testtheoretisch gut abgestützt als auch inhaltlich attraktiv sein. Dem folgend wurde eine kindgerechte und motivierende Rahmenhandlung "Das Fest der Tiere" entwickelt, die Screening und Differentialdiagnose miteinander verbindet und in den Aufgabenblättern für die Kinder professionell illustriert ist.
Für das Screening wurden zwei Verfahrensteile entwickelt, um sowohl das Schriftbild als auch das Schreibverhalten als relevante grafomotorische Größen beurteilen zu können. Die damit vorgenommene Grobeinschätzung kann durch Lehrkräfte für Kindergarten und Grundschule erfolgen, so dass hier größere Zahlen von Kindern untersucht werden können. Für die ausführliche Differentialdiagnostik wurde ein Verfahrensteil entwickelt, der sowohl Aspekte des Schriftbildes als auch des Schreibverhaltens erfasst. Die Konzeption der einzelnen Aufgaben erfolgte auf der Grundlage von entwicklungspsychologischen Erkenntnissen zur Grafomotorik und mit Bezug auf grafomotorisch relevante Teilbereiche aus der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen (ICF-CY der Weltgesundheitsorganisation, Hollenweger & Kraus de Camarago, 2011; Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 39-43).
Die Aufgaben für das Screening des Schriftbildes wurden nach dem Vorbild von Aufgabenstellungen aus anderen Verfahren konstruiert, die die beiden grafomotorisch besonders relevanten Kompetenzbereiche visuomotorische Integration (Skala Form in GRAFOS) sowie Feinmotorik (Skala Strich in GRAFOS) abdecken (Beery, Buktenica & Beery, 2010; Rudolf, 1986; Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 53). Sie sind in aufsteigender Schwierigkeit bzw. nach fortschreitenden Entwicklungsstufen des Zeichnens von Formelementen angeordnet. Die Itemschwierigkeiten lagen für die Skala Form bei einer Pretest-Stichprobe (n = 106) zwischen p = .94 und = .64, bei der Hauptstichprobe (n = 1 151) zwischen = .93 und = .63; für die Skala Strich im Pretest zwischen = .88 und = .47 sowie in der Hauptstichprobe zwischen = .70 und = .47. Damit bilden sie insgesamt gut die angestrebte aufsteigende Komplexität der Aufgaben ab (S. 53). Die Trennschärfen liegen für die Skala Form zwischen rit = .47 und rit = .80 im Pretest, zwischen rit = .57 und rit = .75 in der Hauptstichprobe sowie für die Skala Strich zwischen rit = .40 und rit = .78 im Pretest und zwischen rit = .64 und rit = .75 in der Hauptstichprobe. Die hohen Trennschärfen in der Hauptstichprobe (Durchschnittswert Skala Form rit = .67, Skala Strich rit = .69, alle Trennschärfen rit > .50) sprechen für eine gute Skalenrepräsentation der Items (S. 52). Die Überprüfung der Faktorenstruktur mit einer Hauptkomponentenanalyse (und Vorgabe einer Zweifaktorenlösung) erbrachte eine Varianzaufklärung von 57% mit einer Reihe von bedeutsamen Zweitladungen sowie vier Items mit nicht erwartungsgemäßer Ladung (S. 54). Eine Korrelationsanalyse bestätigte die Annahme, dass es zwischen den beiden Skalen Form und Strich große Überschneidungen gibt (r = .76, p < .01; S. 54). Dennoch wurde die getrennte Erhebung der Skalen beibehalten, da sie zum einen theoretisch gut begründet ist und zum anderen eine differenziertere Analyse und Förderung erlaubt (S. 54).
Für den Beobachtungsbogen zum Screening wurden anhand entwicklungspsychologischer Erkenntnisse zur Haltung und Bewegungsfähigkeit sechs Kern-Items (Sitzhaltung, Kopfhaltung, Stifthaltung, Bewegung des Schreibarms, Schreibimpuls und Arbeitstempo) sowie motivationale Aspekte (Zeichnen und Symbolisieren allgemein, Motivation zum Zeichnen und Schreiben, Ausdauer) auf Nominalskalenniveau operationalisiert (siehe unter "Testaufbau").
Die Itemkennwerte der Differentialdiagnostik wurden an einer Stichprobe von n = 106 Kindern (16 Mädchen, 90 Jungen), die sich aufgrund grafomotorischer Schwierigkeiten in Therapie befanden, überprüft. Für 10 der 14 Skalen bzw. Subskalen (mit mehr als einem Item) werden Trennschärfen zwischen rit = .41 und rit = .80 berichtet (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 59). Zwischen einzelnen Skalen der Differentialdiagnostik zeigen sich systematische und zum Teil substantielle Zusammenhänge. Dies gilt insbesondere für die Formwiedergabe, die mit 6 der 10 unterschiedenen Bereiche korreliert (.27 < = r < = .68; p < .05 bzw. p < .01; S. 61). Dieses Korrelationsmuster sehen die Autoren jedoch als theoretisch plausibel und als Ausdruck der wechselseitigen Abhängigkeit grafomotorischer Teilkompetenzen, die bei der Diagnostik und Förderung zu berücksichtigen ist (S. 61).
Änderungen der Itemzusammensetzung im Verlauf der Testerprobungen bzw. als deren Konsequenz werden für keines der drei Verfahrensteile berichtet.
 

Gütekriterien

 

Objektivität

Die Durchführungsobjektivität ist durch die schriftliche Instruktion und durch genaue Angaben im Manual gegeben. Auswertungsobjektivität (Schablonen, Bewertungsbeispiele) und Interpretationsobjektivität (Normen, Interpretationshinweise) sind gewährleistet. Die Interrater-Reliabilität (gewichtetes Kappa für Ordinaldaten) für das quantitative Screening (zwei Beobachter, n = 57 Kinder aus drei Klassen) liegt bei ICC = .82 für die Skala Form und bei ICC = .69 für die Skala Strich (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 52).
 

Reliabilität

Die interne Konsistenz (Cronbachs Alpha) für die beiden quantitativen Screeningskalen liegt bei Alpha = .88 für die Skala Form und bei Alpha = .90 für die Skala Strich (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 52). Daneben wurde für diese beiden Skalen auch die Interrater-Übereinstimmung geprüft (siehe unter "Objektivität"). Bei dem Verfahrensteil zur Differentialdiagnostik haben 10 der 14 Skalen bzw. Subskalen mehr als ein Item. Zu diesen werden interne Konsistenzen (Cronbachs Alpha) zwischen Alpha = .70 und Alpha = .93 berichtet (S. 59).
 

Validität

Die Inhaltsvalidität der Verfahrensteile wird aufgrund des engen Bezugs der Operationalisierung zu vorliegenden Erkenntnissen zur Entwicklung der Grafomotorik als gegeben angesehen (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 52-63).

Konstruktvalidität. Die Konstruktvalidität des Screenings (Schriftbild) konnte nicht einwandfrei bestätigt werden. Aus diagnostischen Gründen wurde aber die Unterscheidung in die zwei Skalen Form und Strich beibehalten (siehe unter "Testkonstruktion"). Die konvergente Validität der Differentialdiagnostik wurde für sechs Skalen anhand von Daten der bereits erwähnten Kinder aus der Therapiestichprobe (n = 106; siehe unter "Testkonstruktion") überprüft. Tabelle 1 zeigt die berichteten Zusammenhänge. Die Autoren bewerten diese als theoretisch plausibel und zufriedenstellend und verweisen auch darauf, dass es sehr schwierig gewesen sei, Testverfahren zu finden, die die gleichen Konstrukte messen (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 60). Zur Validierung des Beobachtungsbogens wurden Zusammenhänge mit analogen Bereichen der Differentialdiagnostik geprüft. Es fanden sich schwache bis mittlere Zusammenhänge zwischen r = .20 und r = .41 (.001 < = p < = .05; n = 98 Kinder der Therapiegruppe), was die Autoren damit erklären, dass die Messungen auf unterschiedlichen Genauigkeitsniveaus erfolgen (grob beim Beobachtungsbogen vs. genau bei der Differentialdiagnostik; S. 63).

Tabelle 1
Korrelationen von Skalen der Differentialdiagnostik mit vergleichbaren Konstrukten (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 60)
--------------------------------------------------------------------- 
Bereich Vergleichskonstrukt n r
---------------------------------------------------------------------
Grobmotorik - Beobachtungsbogen Sitzhaltung 98 .29**
- Beobachtungsbogen Kopfhaltung 98 .35***
---------------------------------------------------------------------
Bewegungsqualitaet - Repetitive Handbewegung (ZN) 97 .19 ns
- Alternierende Handbewegung (ZN) 97 .36***
- Repetitive Fingerbewegung (ZN) 97 .35**
- Sequentielle Fingerbewegung (ZN) 97 .35**

Taktil-kinaesthe- - Stereognosie von Objekten 21 .48*
tische Wahrnehmung (TAKIWA)
---------------------------------------------------------------------
Formwiedergabe - Task-Test (TT) 92 .56***
- Form- und Gestalt-Test (FGT) 92 .58***
---------------------------------------------------------------------
Feinmotorik - Screening Skala Strich 99 .33**
---------------------------------------------------------------------
Strichführung - Screening Skala Strich 104 .35***
---------------------------------------------------------------------
Anmerkungen. * p < = .05, ** p < = .01, *** p < = .001, ns = nicht signifikant; Beobachtungsbogen Sitzhaltung/Kopfhaltung = Beobachtungsbogen aus GRAFOS; ZN = Zürcher Neuromotorik (Largo, Fischer & Caflisch, 2002); TAKIWA = Göttinger Entwicklungstest der Taktil-Kinästhetischen Wahrnehmung (Kiese-Himmel, 2003); TT und FGT = Graphomotorische Testbatterie (GMT; Rudolf, 1986); Screening Skala Strich = GRAFOS Screening.

Kriteriumsvalidität. Die Ergebnisse in den Skalen des Screenings zum Zeichen- bzw. Schriftbild korrelieren mit den spontanen Lehrereinschätzungen zur grafomotorischen Kompetenz der untersuchten Kinder (n = 1 151) mit r = .42 für die Skala Form sowie mit r = .35 für die Skala Strich, was die Autoren als einen Hinweis auf die kriterienbezogene Validität dieses Verfahrensteils werten (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 54 f.). Kinder mit festgestelltem grafomotorischem Förderbedarf (n = 58) hatten signifikant niedrigere Leistungen in beiden Screeningskalen als Kinder ohne Förderbedarf (n = 772). Eine Kovarianzanalyse mit Kontrolle des Alters erbrachte für beide Skalen einen großen Effekt (Eta Quadrat > .14; S. 58).
 

Normierung

Für das Screening (Schriftbild) liegen altersnormierte Vergleichswerte aus einer Stichprobe von N = 1 145 Kindern vor (595 Jungen, 528 Mädchen; Alter 4;8 bis 8;6 Jahre, M = 6.4, SD = .94; 827 Kinder mit Schweizer Nationalität, 318 mit Migrationshintergrund und ausländischem Pass; 1 026 rechtshändig, 99 linkshändig; Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 56). Die Ergebnisse der Differentialdiagnostik können anhand von kategorialen Beschreibungen danach beurteilt werden, ob sie eine altersgemäße Entwicklung der Grafomotorik anzeigen oder ob Förderbedarf besteht (S. 100-106). Das Normierungsjahr wird nicht genannt.
 

Anwendungsmöglichkeiten

Das GRAFOS-Screening kann zur ersten Identifikation von Schreibschwierigkeiten in Gruppen von 10 bis 15 Kindern angewendet werden. Das Instrument kann sowohl im Kindergarten- als auch im Grundschulalltag von Lehrkräften durchgeführt werden. Mit der GRAFOS-Differentialdiagnostik können Kinder mit auffälligen Screeningergebnissen im Einzelsetting genauer untersucht und eine individuelle Förderplanung vorgenommen werden. Für den Einsatz der Differentialdiagnostik ist eine spezielle Qualifikation in schulischer Heilpädagogik, Psychomotorik oder Logopädie erforderlich.
 

Bewertung

Das Manual ist sehr gut strukturiert und anschaulich gestaltet. Besonders positiv hervorzuheben ist, dass es reich bebildert ist und zahlreiche Fotos von Kindern mit Haltungsbeispielen enthält sowie Visualisierungen z. B. zu theoretischen Modellen oder zum Ablaufschema des Erfassungsprozesses. Sehr hilfreich für die Auswertung sind die Bild-Beispiele und Texterläuterungen für Zeichen- bzw. Schriftvarianten von Kindern. Die Einbettung in die Rahmengeschichte "Das Fest der Tiere" ist sehr gelungen, die grafische Umsetzung in den Arbeitsblättern professionell und ansprechend. Das Testmaterial ist äußerst kindgerecht und motivierend gestaltet und bietet eine gut anwendbare Grundlage für die Diagnose der Schreibkompetenz und eine darauf basierende passgenaue Förderplanung. Hier ist auch das Kapitel zu Förderansätzen und allgemeinen Maßnahmen hervorzuheben, das eine wertvolle Grundlage für die praktische Umsetzung im Kindergarten- und Schulalltag bietet.
Einen gewissen Schwachpunkt stellen die fehlenden Angaben zum genauen Zeitpunkt der Validierungs- bzw. Normierungserhebungen und ihrer Rahmenbedingungen dar. Aufgrund einer Bemerkung in der Manualeinleitung (Sägesser Wyss & Eckhart, 2016, S. 9) kann lediglich vermutet werden, dass sie zwischen 2012 und 2016 erfolgten. Insgesamt kann das Verfahren aber als valides und nützliches Instrument für die frühzeitige Diagnose von Schreibschwierigkeiten empfohlen werden.
 

Literatur

  • Beery, K. E., Buktenica, N. A. & Beery, N. A. (2010). Beery-Buktenica Developmental Test of Visual-Motor Integration (Beery VMI) (6th ed.). San Antonio, TX: Pearson.
  • Berninger, V. W. & Winn, W. D. (2008). Implications and advancements in brain research and technology for writing development, writing instruction and educational evolution. In S. Graham & J. Fitzgerald (Eds.), Handbook of writing research (pp. 96-114). New York: Guilford Press.
  • Connelly, V., Dockrell, J. E. & Barnett, A. (2005). The slow handwriting of undergraduate students constrains overall in exam essays. Educational Psychology, 25 (1), 97-105.
  • Hollenweger, J. & Kraus de Camarago, O. (Hrsg.). (2011). ICF-CY: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen. Bern: Huber.
  • Kiese-Himmel, C. 2003). Göttinger Entwicklungstest der Taktil-Kinästhetischen Wahrnehmung (TAKIWA). Manual. Göttingen: Hogrefe.
  • Largo, R. H., Fischer, J. E. & Caflisch, J. A. (2002). Zürcher Neuromotorik. Zürich: AWE.
  • Mahrhofer, C. (2004). Schreibenlernen mit graphomotorisch vereinfachten Schreibvorgaben. Eine experimentelle Studie zum Erwerb der verbunden en Ausgangsschrift in der 1. und 2. Jahrgangsstufe. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.
  • Rudolf, H. (1986). Grafomotorische Testbatterie (GMT). Manual. Weinheim: Beltz.
  • Sägesser Wyss, J. & Eckhart, E. (2016). GRAFOS. Screening und Differentialdiagnostik der Grafomotorik im schulischen Kontext. Instrument zur Erfassung des grafomotorischen Entwicklungsstandes bei Kindern zwischen 4 und 8 Jahren. Bern: Hogrefe.
  • Van Hartingsveldt, M. J., De Groot, I. J., Aarts, P. B. & Nijhuis-Van der Sanden, M. W. (2011). Standardized tests of handwriting readiness: a systematic review of the literature. Developmental Medicine and Child Neurology, 53 (6), 506-515.
  • Vetter, M., Amft, S., Sammann, K. & Kranz, I. (2010) G-FIPPS: Grafomotorische Förderung. Ein psychomotorisches Praxisbuch. Dortmund: Borgmann media.
 
 Dörthe Beurer (10.09.2017)
 APA-Schlagworte/PSYNDEX Terms:

Classical Test Theory; Observation Methods; Screening Tests; Pictorial Stimuli; Subtests; Test Norms; Developmental Measures; Motor Development; Psychomotor Development; Writing Skills

Klassische Testtheorie; Beobachtungsmethoden; Screening Tests; Bild-Stimuli; Untertests; Testnormen; Entwicklungstests; Motorische Entwicklung; Psychomotorische Entwicklung; Schreibfähigkeiten

 weitere Schlagworte:

2016; Kindergartenkinder; Grobmotorik; Bewegungsqualität; Formwiedergabe; Feinmotorik; Strichführung; 31 Items; ab 4 Jahre; bis 8 Jahre; Verfahrensteile: 1 Screening für das Zeichen- bzw. Schriftbild, 1a Skala Form, 1b Skala Strich, 2 Beobachtungsbogen (Screening Schreibverhalten), 2a Haltung, 2b Bewegungsfähigkeit, 2c Zeichnen, 2d Schreiben bei Schulkindern, 3 Differentialdiagnostik, 3a Erfassung des allgemeinen grafomotorischen Entwicklungsstandes, 3b Erfassung einzelner Entwicklungsbereiche zur Differenzierung des Förderbedarfs; Normierungsjahr: keine Angaben; Normstichprobe: 1151
 Klassifikation:

Sensorisches und motorisches Testen; Motorik; Entwicklungspsychologie
Spezielle Tests zur motorischen Entwicklung; Motorische Leistungstests
1.3; 4.1
 Anwendungstyp: Remedial Diagnosis
 Art der Publikation: Test; Test in Print (90; 911)
 Sprache: German
 Land: Switzerland
 Publikationsjahr: 2016
 Änderungsdatum: 201711
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